Zielfoto Titan-Museum ++ Zu Besuch am Guggenheim in Bilbao

In den letzten Monaten laufen meine fotografischen Aktivitäten auf Sparflamme. Außer Podcast-Hören, die ein oder andere kleinere Akquisition für die Kamera-Sammlung oder zwei, drei Schnappschüsse mit einer Kompaktkamera passiert gerade im fotografischen Alltag nicht viel. Ich denke, jeder Hobby-Fotograf kennt diese Phasen. Und wie auch bei vielen anderen setzen Kurztrips und Urlaube willkommene Impulse, um die Fotografie wieder aktiver zur betreiben. Bei mir war es jetzt um Ostern soweit: eine Woche in der Gegend von Leon und zum Abschluss zwei Tage in Bilbao, mit dem Höhepunkt des Besuchs des Guggenheim-Museums.

Die Stadt hat nicht jeder City Hopper auf der Bucket List, um gleich mal einige Anglizismen herauszuhauen. Dabei ist die Stadt am Ufer des Nervión heutzutage wirklich eine Reise wert. Das war nicht immer so. In den 90er Jahren hat sich Bilbao erfolgreich von einer grauen Industriestadt (mit hoher Massenarbeitslosigkeit im Zuge der untergehenden Stahl- und Schiffsindustrie) gewandelt zu einer modernen, wohn- und lebenswerten Metropole. Das Stadtbild wird dabei geprägt durch sein avantgardistische Architektur und einer quirligen Innenstadt, in der die Menschen abends von Bar zu Bar ziehen und dazu einen Pintxo (die baskische Antwort auf Tapas) essen.

Der Guggenheim-Effekt

Nähern wir uns dem eigentlichen Thema, um das es in diesem Artikel gehen soll. Schuld (oder eher Segen) für die Wandlung der Stadt war unter anderem der sogenannte Guggenheim-Effekt. Die baskische Regierung entschied sich 1991 für eine radikale Flucht nach vorne. Anstatt die kränkelnde Industrie künstlich am Leben zu halten, investierte sie massiv in Kultur, Dienstleistungen und Infrastruktur. Ein Glücksgriff, der das Stadtbild heute dominiert, war ein Abkommen mit der Guggenheim Foundation in New York, der zum Bau des Guggenheim Museums direkt in der ehemaligen Industriezone im Stadteil Abando führte. Dieses wurde 1997 eröffnet. Das Museum liegt schmuck direkt am Flussufer umrahmt von der verkehrsreichen La-Salve-Brücke und der Parkanlage Abandoibarra.

Ein erster Kontakt mit dem gewaltigen Bau ergab sich bereits am Tag der Ankunft bei einem frühabendlichen Stadtspaziergang, an dem ich „nur“ die kleine Ricoh GRs und das Smartphone dabei hatte. So halte ich es mittlerweile immer, um den Familienfrieden zu bewahren und meinen Fotografenhabitus nicht überhand nehmen zu lassen. Da der Tag schon lang und die Schrittanzahl bereits hoch war, beließen wir es bei einem kurzen Aufenthalt, gerade um einen ersten Eindruck vom Gebäude und von Puppy, dem emotionalen Maskottchen von Bilbao zu erhalten. Bei Puppy handelt es sich um eine 12 Meter hohe Konstruktion in Gestalt eines Terriers, die mit tausenden von echten Blumen bepflanzt ist. Ein Verweilen bis zur blauen Stunde konnte ich leider nicht einfordern, da noch ein Champions League Viertelfinale mit spanischer und bayrischer Beteiligung lockte.

Rund ums Museum

Am nächsten Morgen nahm ich mir dann meine individuelle Zeit, um das Guggenheim Museum fotografisch bei einer Umrundung zur erarbeiten. Wir hatten für 10 Uhr den ersten Timeslot des Tages gebucht, um das Museum im Inneren zu besichtigen. Ich war bereits etwas früher vor meinen Damen am Morgen aufgestanden und in die Innenstadt mit der U-Bahn gefahren. Das Wetter war mir wohlgesonnen und bot ein wunderbares sanftes Morgenlicht bei fast wolkenlosem Himmel (wobei mir ein paar Wolken immer lieber sind). Begonnen habe ich meine Tour wieder am Museumsvorplatz, wo mich der Blumenhund bereits zu erwarten schien. Anders als am Vorabend war der Terrier nicht mehr von gefühlt einhundert Touristen umlagert, aber alleine war ich auch nicht mehr Vor Ort. Da ich an diesem Morgen mich wirklich auf das Fotografieren konzentrieren wollte, hatte ich diesmal auch das „große Besteck“ mit, also die digitale PENTAX K-1 mit einigen Optiken und insbesondere zwei Festbrennweiten mit 20mm für die Weite und 100mm als leichtes Tele.

Ich hatte mich in den Tagen zuvor bereits ein wenig mehr mit dem Guggenheim-Museum und möglichen Motiven auseinandergesetzt. Erschaffen wurde der eindrucksvolle Bau von dem kanadisch-amerikanischen Architekten Frank Gehry. Der gleiche Gehry ist auch verantwortlich für ein Gebäude-Ensemble am Medienhafen in Düsseldorf. Die Baustile sind unverkennbar ähnlich, aber das Guggenheim in Bilbao ist im Vergleich gigantisch. Es dominieren geschwungene Formen und eine schimmernden Titan-Fassade, die je nach Wetter und Tageszeit unterschiedliche Lichtstimmungen produzieren kann. Im direkten Sonnenlicht reflektiert das Metall das Licht so intensiv, dass das Museum fast weiß-gold zu glühen scheint. Auf der Schattenseite dagegen wirkt es warm und beruhigend. Die einzelnen Platten sind leicht gewellt, wodurch unterschiedlichste Lichtbrechungen entstehen.

Ich umrundete das Guggenheim Museum in den nächsten zwei Stunden gegen den Uhrzeigersinn, beginnend mit den Ausblicken von der La-Salve-Brücke und der gegenüberliegenden Uferseite im Licht der gerade aufgegangenen Sonne. Von der Brücke und der Uferseite ergeben sich herrliche Weitwinkelblicke.

Ein Kuriosum sei dabei erwähnt: Da Bilbao in einer sehr hügeligen Landschaft liegt, gibt es neben zahlreichen Treppen ab und an auch „Outdoor“-Aufzüge, um die Höhenmeter bequem zu überwinden – wie eben auch hier an der Brücke. Aufgrund meines begrenzten Zeitfensters nahm ich dieses Hilfsmittel gerne an.

Es gibt übrigens einige Kunstwerke bereits außerhalb des Museumsgebäude unter freiem Himmel zu entdecken. Neben dem bereits erwähnten Blumenhund Puppy residiert an der Promenade direkt vor dem Museum die gigantische Spinnen-Konstruktion „Maman“. Zur dieser führt ein Brückenzugang direkt von der La-Salve-Brücke (diesmal ohne Aufzug). Einige Meter weiter spiegeln die glänzenden Metallkugeln Tall Tree & The Eye die Szenerie. Dazu aktiviert sich zu jeder vollen Stunde eine Nebelinstallation, die große Wasser- und Bodenflächen mit einem Schleier einhüllen. Abends gibt es wohl auch Feuerfontänen als Kontrastprogramm, die ich mir aber leider nicht ansehen konnte.

Zielfoto

Zum Abschluss meines privaten Fotowalks, bevor ich meine Familie am Vorplatz treffen wollte, hatte ich mir eine Aufgabe für ein bestimmtes „Zielfoto“ gestellt. Das Bild, das ich vor Augen hatte, war vom Podcast Bilder und Geschichten von Michael Koopmann inspiriert. In seiner ersten Folge stellte Michael ein Bild von Uwe Rosik vor, welches ich noch grob in Erinnerung hatte.

Die Vorlage zeigt eine Flanke des Gebäudes mit der Treppenflucht, die am Museumseingang beginnt und dem Blumenhund „Puppy“ im Hintergrund. Das Foto gibt es hier zu bestaunen. Im Nachhinein sehe ich wohl, dass der Aufnahmestandort ein anderer gewesen sein musste als bei meinem Versuch. Während ich die Treppe einige Stufen hinabgestiegen bin, musste Uwe erhöht gestanden haben, wodurch er die gesamte Szenerie – Treppe plus Gebäudeflanke – viel besser im Überblick erfassen konnte. Wahrscheinlich stand er an der Balustrade neben dem Café, von wo aus auf den Treppenaufgang hinuntergeblickt werden kann. Auch ist das Bild eher zur Mittagszeit entstanden, was der Schattenwurf und noch offensichtlicher die EXIF-Uhrzeit verrät.

Nach all dem Vorgeplänkel hier nun meine Variante.

Ich gehe direkt einmal in die persönliche Kritik. Im Vergleich ist meine obige Version farblich zurückhaltender, auch wenn ich in Lightroom an der Farbdynamik (insbesondere der maskierten Fassade) nachgearbeitet habe. Die Sonne war zu meiner Aufnahmezeit noch hinter dem Gebäude, die Wand also im Schatten. Der tiefere Standpunkt direkt vor dem Eingang auf der Treppe setzt einen anderen Schwerpunkt als die Inspiration aus dem Podcast. Die 20 Millimeter Weitwinkel meiner Aufnahme im Kleinbild und der Standpunkt näher und tiefer am Gebäude (über-)betonen den Vordergrund aus der geschwungenen Fassade des Museums, während der Aufgang der Treppenstufen flacher ausfällt. Der Blick wird zwar gelenkt auf den Vorplatz mit seinen Stadthäusern und der Skulptur des Blumenhundes, dieser endet aber bereits im unteren rechten Bilddrittel. Dazu ist Puppy bereits so klein abgebildet und vor allem durch die Perspektive halbiert, dass sich die Statue der Aufmerksamkeit des Betrachters entzieht und auch nicht erahnen lässt, wie imposant die Terrier-Statue in Wirklichkeit ist.

Das Bild wirkt insgesamt flächiger mit dem Fokus auf Textur und Form der Fassade, während Uwes Komposition meiner Meinung nach mehr Überblick und Kontext gibt, auch mit dem Einbezug von zwei Personen zur Einordnung der Größenordnungen. Es wirkt auf mich wie die Sicht eines entfernten Beobachters, während meine Version eher die Sicht eines Museumsbesuchers einnimmt, der das Museum verlässt.

Resümee

Mit der Eröffnung des Museums hab ich auch das „ernsthaftere“ Fotografieren abgelegt. Die K-1 wanderte zurück in die Kameratasche und meine etwa zweistündige Tour rund um das Guggenheim-Areal war beendet. Sicher, das Fotografenherz mag leise nach einer Rückkehr zur goldenen oder blauen Stunde am Abend rufen. Aber hey, das ist völlig okay. Anstatt der berüchtigten FOMO nachzugeben und dem perfekten Licht hinterherzujagen (was vielleicht dann gar nicht kommt), habe ich eine wunderbare Zeit mit meinen Lieben verbracht und schlicht mit dem Licht gearbeitet, was zur Verfügung stand.

Das Guggenheim braucht im Grunde auch kein Kitsch-Licht, um zu wirken – seine Architektur ist so stark und wirkt zu jeder Tageszeit. Ich hatte auf jeden Fall nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich noch einmal die Gelegenheit? Mir hat Bilbao auf jeden Fall sehr gut gefallen und wir haben nur einen kleinen Teil gesehen. Eine Rückkehr ist also nicht ausgeschlossen. Gerade auch eine andere Jahreszeit kann wieder sehr spannend ausfallen.

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